Gazette Neue Musik in NRW - Ausgabe April 2026

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23. März 2026

Gewesen: 96. WDR-Konzert der Musikfabrik mit Grüßen aus Norwegen

Angekündigt: Festival für aktuelles Musiktheater Orbit in Köln – Tage für neue Kammermusik in Witten – Oper The Lodger in Wuppertal u.v.a.m.


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[96. WDR-Konzert der Musikfabrik mit Grüßen aus Norwegen]


In ihrem 96. WDR-Konzert entführte die Musikfabrik ihr Publikum in den europäischen Norden nach Skandinavien und mit gängigen Klischeevorstellungen von Naturverbundenheit und Rückzug an langen Winterabenden lag man vordergründig gar nicht so falsch. Bezüge zu Naturphänomenen und eine verhaltene, teils melancholische Atmosphäre ließen sich in fast allen gespielten Werken ausmachen. Gleich zum Auftakt entwickelt Kristine Tjøgersen mit Seafloor Dawn Chorus eine von zartem Rauschen und gläsernem Flirren geprägte Klangwelt, die von kreisenden Heulern sanft in Schwingung versetzt wird. Die Anverwandlung von Naturlauten ist der 1982 geborenen Norwegerin durch ihre Kompositionslehrerin Carola Bauckholt vertraut, in Seafloor Dawn Chorus ließ sie sich jedoch nicht von der heimischen Natur sondern vom entgegengesetzten Ende des Erdballs inspirieren. Zugrunde liegen Unterwasseraufnahmen von sogenannten ‚Singenden Fischen‘ am Great Barrier Reef, die zum Teil direkt transkribiert und angereichert mit experimentellen Spielweisen auf das herkömmliche Instrumentarium übertragen werden. Daraus entsteht eine geheimnisvoll schillernde Klangwelt, in die man genüsslich eintauchen kann. Angesichts der Bedrohung der Korallenbänke durch den Klimawandel, der – wie die Wissenschaft herausgefunden hat – nicht nur ein Verblassen der Farben sondern auch ein Verstummen der Unterwassergeräusche zur Folge hat, kann das Werk auch als Mahnung verstanden werden, doch nicht im Sinne eines plakativen Statements. Der Widerstandsgeist von Kunst im Allgemeinen und Neuer Musik im Besonderen besteht gerade nicht in ihrer eindeutigen Lesbarkeit und Positionierung sondern in der Sensibilisierung der Wahrnehmung, dem Aufzeigen und Aushalten von Ambivalenzen und dem Widerstreben gegenüber Erwartungen. 
In ganz andere – und doch ähnliche – Sphären versetzt uns die ebenfalls aus Norwegen stammende Hilde Marie Holsen, deren neues Werk Nimbostratus für Live-Elektronik und sechs Instrumente seine Uraufführung erlebte. Ausgangspunkt ist diesmal nicht die Unterwasserwelt sondern der Blick in den Himmel, wobei es sich bei den namensgebenden Wolken um dichte, dunkle Formationen handelt, die viel Niederschlag verheißen. Entsprechend schwerfällig, getragen von dunkel grummelnden Blechbläsern hebt die Musik an und der lastende melancholische Grundton bleibt trotz behutsamer Aufhellung erhalten. Aus dem Aufeinandertreffen dunkler und heller Schichten entwickeln sich lebhafte Turbulenzen, ein vorübergehendes Aufbäumen, das verebbt, ausdünnt und sich angereichert von delikaten Klangnuancen (Live-Elektronik, Muschelhorn, Gläser) in ein elegisches Wogen ergießt, das mir stellenweise etwas zu sanft um die Füße schwabbt.
Ein Ausreißer im doppelten Sinn – bezüglich Herkunft und Klangbild – stellt Simon Løffler dar. Der Däne liebt Experiment, Performance und Körpereinsatz und auch wenn es sich bei F.O.W.L um ein rein instrumentales Werk handelt, wird einiges geboten. Die Natur vor allem die Tierwelt hat es ihm ebenfalls angetan, zeigt sich jedoch diesmal von ihrer lärmenden Seite. Man hört es rascheln und rattern, gackern, schnattern und tröten, wobei allerhand unorthodoxe, selbstgebaute Klangerzeuger zum Einsatz kommen. Stühle werden über den Boden geschleift, eine Bohrmaschine rotiert und an Holzstangen befestigte Plastikbehältnisse erzeugen ein luftiges Sirren. Das lebhafte Treiben lässt zunächst aufhorchen, erschöpft sich jedoch bald in der Lust an skurrilen Klangereignissen, die – zudem überlang – um sich selbst kreisen.
Mit Mixed metaphors hat sich der Norweger Eivind Buene schließlich einer sehr ungewöhnlichen Besetzung zugewandt: Violine und Minimoog (ein analoger Synthesizer). Den Anstoß für dieses eigenwillige Zusammentreffen gaben die beiden Mitglieder der Musikfabrik, die Geigerin Hannah Weirich und der Pianist Uli Löffler – der 2022 verstarb und dessen Part von Benjamin Kobler übernommen wurde. Die Geige, die Königin der abendländischen Musik, steht dem elektronischen Eindringling gegenüber, der allerdings von der Entwicklung längst überholt wurde und in unseren digitalen Zeitläuften wie ein nostalgisches Relikt anmutet – zwei alte Holzkisten, die sich noch viel zu sagen haben und mit- und gegeneinander einen erstaunlichen Klangreichtum entfalten. Nervöses Zittern, ausgedehnte, verschmelzende Klangflächen, plötzliches Aufbäumen, gewitterartige Zuspitzungen, zwischendurch besinnt sich der Minimoog mit künstlichem, enervierendem Fiepen seiner wahren Natur, lässt sich aber bald wieder einfangen, so dass beide versöhnt und beruhigt ausschwingen. Gegensätze können sich anziehen und befruchten. Auch das kann eine Botschaft sein. 


[Termine im April]


Köln


In der Philharmonie stehen Werke von Sofia Gubaidulina und Natalie Beridze am 12.4., von Manfred Trojahn am 19.4. und von Caroline Shaw am 20.4. auf dem Programm. In der Kunststation Sankt Peter erwarten uns neben den samstäglichen Lunchkonzerten am 4., 11., 18. und 25.4 neue Werke für Viola d’amore am 17.4. und eine Uraufführung von Chiyoko Szlavnics am 24.4. Die Plattform nicht dokumentierbarer Ereignisse kündigt Konzerte am 9.4. und 15.4. sowie die Soundtrips NRW am 23.4. an. Vom 23. bis 26.4. findet das Festival für aktuelles Musiktheater Orbit statt. Auf dem Programm stehen u.a. ‘tableaux morts’ von Philipp C. Mayer mit dem Ensemble Garage und das Kölner Chaos Orchester. Im Stadtgarten wird am 20.4. Manfred Schoofs 90. Geburtstag gefeiert, am 21.4. steht Peter Evans auf der Bühne und am 27.4. die Band Zevra (gefördert durch NICA artist development). Am 12.4. trifft unter dem Motto Nova Atlantis Barockmusik auf Elektronik, die Musikfabrik kündigt für den 19.4. ein Montagskonzert an und das E-Mex Ensemble ist am 24.4. mit dem Programm Infinito Nero in der Rochuskirche zu erleben.
Einblicke in die freie Szene bekommt man bei ON Cologne und Noies, der Zeitung für neue und experimentelle Musik in NRW, jeden 2. und 4. Dienstag im Monat sendet FUNKT ein Radioformat mit Elektronik und Klangkunst aus Köln und jeden letzten Mittwoch im Monat findet die Soirée Sonique im LTK4 statt. Dort erwartet uns außerdem noch bis zum 3.4. die Stille der Dinge. Fast täglich gibt es interessante Konzerte im Loft und weitere Termine und Infos finden sich bei kgnm, Musik in Köln und impakt sowie Veranstaltungen mit Jazz und improvisierter Musik bei Jazzstadt Köln


Ruhrgebiet


Das auf Live-Musik zu Stummfilmen spezialisierte Ensemble Interzone Perceptible ist im März in Duisburg und Gladbeck zu erleben.


Im Dortmunder Konzerthaus stehen Werke von Jörg Widmann am 16.4. und ein Konzert mit der Sopranistin Sofia Jernberg am 22.4. auf dem Programm, am 16.4. kommt The Dorf ins domizil und in der parzelle erwarten uns das Trio Wallace/Vazquez/Trilla am 2.4., das Duo Caroline Krabbel und Paul Lytton am 19.4., The Attic am 24.4. und die Soundtrips NRW am 29.4.


Am 30.4. stimmt Bijayini Satpathy auf das Duisburger Festival Eigenzeit ein, das im Mai in die indische Musik und Kultur eintaucht.


In der Neue Musik Zentrale in Essen wird am 14. und 28.4. die Improvisationreihe FRIM fortgesetzt. Die Schlagzeugklasse der Folkwang Universität widmet sich am 16.4. Yannis Xenakis und im Rabbit Hole Theater sind am 27.4.die Soundtrips NRW zu Gast.


Im Makroscope in Mülheim an der Ruhr wird am 17.4. die Konzertreihe ‚Verstärker!‘ fortgesetzt und am 24.4. trifft das Freiburger Duo Lola & Bvck auf Lukas Schäfer.


In der Oberhausener Ludwiggalerie findet am 18.4. ein Ambient/Drone-Konzert statt.


Düsseldorf


In der Tonhalle stehen Werke von Aleksandra Vrebalov am 12.4. sowie von Caroline Shaw am 18.4. auf dem Programm und am 29.4. widmet das notabu.ensemble seinem Gründer Mark-Andreas Schlingensiepens anlässlich seines 70. Geburtstags einen ganzen Konzertabend.
Experimentelle improvisierte Musik kann man mehrmals im Monat im Subsol, dem Raum für creative Extravaganzen, erleben. Infos gibt es über Facebook oder einen Mailverteiler. Für den 15.4. hat sich Simon Camatta angesagt. 


Sonstwo


Das Landesjugendorchester NRW unter der Leitung von Susanne Blumenthal ist mit einer Uraufführung von Malika Kishino zwischen dem 17. und 26.4. in Dortmund, Kleve, Troisdorf, Düsseldorf und Leverkusen zu Gast.


Zwischen dem 22.4. und dem 3.5. treffen der Schlagzeuger Lê Quan Ninh und der Sopransaxophinist Michel Doneda im Rahmen der Reihe Soundtrips NRW in Düsseldorf, Köln, Bonn, Oberhausen, Essen, Dortmund, Gelsenkirchen, Wuppertal, Bochum und Münster auf wechselnde Gäste.


Die Aachener Gesellschaft für zeitgenössische Musik kündigt die Reihe 'Hören und Sprechen über Neue Musik' am 10.4. und Neue Musik aus Aachen am 11.4. an und Annegret Mayer-Lindenberg gastiert am 19.4. mit ihrem Projekt Viola d’amore jetzt im Raum für Kultur.


Die Bielfelder Cooperativa Neue Musik veranstaltet monatlich einen Jour fixe und zeigt außerdem am 6.4. einen Film als Hommage an Gerd Lisken und Anke Züllich-Lisken. In der Zionskirche erklingen am 12.4. 1000 Sounds für Schlagzeug.


Die In Situ Art Society ist am 1.4. mit einem Programm inspiriert von Pangaea von Miles Davis und am 24.4. mit den Soundtrips NRW im Bonner Dialograum Kreuzung an Sankt Helena zu Gast.


Das TAM, Theater am Marienplatz in Krefeld, lädt jeweils freitags um 22 Uhr zum Nachtprogramm ein und das Studio Musikfabrik ist am 19.4. in der Gemeinde Pax Christi zu erleben.


Evi Filippou, aktuell Improviser in Residence in Moers, trifft am 24.4. auf Michael Attias.


In der Black Box in Münster erwarten uns das Chuchchepati Orchestra am 12.4., das Trio Van Huffel/Okuda/Borges am 19.4. und das Duo Chris Brown/Ben Davis am 28.4. und Jan Klare & The Dorf stehen am 24.4. und 25.4. im Theater im Pumpenhaus auf der Bühne.


Im Kunsthaus Troisdorf erwartet uns am 26.4. ein Abend mit zeitgenössischer elektroakustischer Musik für Viola, Computer und audiovisuelle Medien.


Vom 24. bis 26.4. finden die Wittener Tage für Neue Kammermusik statt. Mit dabei sind diesmal u.a. das Ensemble hand werk, das Trio Abstrakt, Quatuor Diotima, Basel Sinfonietta und das WDR Sinfonieorchester. Als Porträtkomponistin ist Chaya Czernowin zu Gast.


Im Wuppertaler ort stehen die Reihe Off-Grid am 22.4., das Trio AKW (Aardestrup/Kimmig/Wisselstehen) am 23.4. und das Duo Chris Brown und Ben Davisdem am 29.4. auf dem Programm und im Opernhaus hat am 18.4. die Oper The Lodger von Phyllis Tate Premiere.


Weitere Termine mit improvisierter Musik finden sich bei NRWJazz.

 

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Konzept, Redaktion & Umsetzung: Petra Hedler

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